EMMANUELLE TANAïS AUPEST
DENTALANLAGE   1    2    3   
(KUNSTPREIS WORPSWEDE 2016 - 3. Preis)



Eine Welt voller Kriege: Noch nie habe es so viele gegeben: Überall blutiges Chaos.

Dies ist schlichtweg überwältigend und in Gesamtheit überhaupt nicht zu fassen. Um das Unfassbare dennoch zu begreifen, wende ich mich meiner unmittelbaren Umgebung zu: Deutschland und Frankreich, also zwei im Wesentlichen saturierten Gesellschaften, in denen sogar die Privilegierten noch mehr für sich fordern. Wo lässt sich in unserer aufgeklärten Lebensweise Gewalt verorten?

Verzweifelte kulturelle Vorstadtwüste: austauschbare Stadtzentren: stimmlose Architektur. Alles um uns herum spiegelt sich im Gesicht des monotonen Trotts und der entsetzlichen Mittelmäßigkeit des standardisierten Lebensentwurfes, zu denen die Mehrheit verurteilt wird. Alles beugt sich der Herrschaft der Rentabilität. Herrschaft, so Max Weber, setzt in erster Linie Fügsamkeit voraus. In unserer Zeit ist trotz Protest und Widerspruch weit und breit kein echter Revolutionsgeist zu spüren. Alles fügt sich: es geht uns doch gut.

Althergebrachte Autorität: unumschränkte Macht: entgrenzter Reichtum. Diademe und Kronen sind eindeutige Marker und symbolisieren auf nostalgische Art und Weise soziale Anerkennung und letztlich Schönheit.

Schönheit wiederum wird mit Jugend und Gesundheit assoziiert. Gesunde Zähne gehören dazu, am besten bis ins hohe Alter. Attraktivität und Handlungsfähigkeit sind nun auch messbar. Selten jedoch ist der geforderte Zustand der Makellosigkeit auf natürliche Art und Weise zu erreichen. Nicht alle können sich diese Selbstoptimierung leisten.

Dentalanlage (2015) nimmt Bezug auf die Gleichzeitigkeit der allgemeingültigen Akzeptanz von Herrschaft durch Rentabilitätserwägung sowie einer das Individuum unterwerfender Selbstentfremdung. Wir schaffen uns somit eine Welt, in der Zähne zu Juwelen werden.

Dentalanlage ist ein Diadem aus Metalldraht, mit vier Reihen von Perlen und zehn Kunstzähnen. Die Abmessungen betragen ca. 14 cm im Durchmesser und ca. 5,5 cm in der Höhe. Das Objekt wird auf einem Kissen und ggf. auf einem Podest präsentiert.
Die oberen und unteren offenen Ringe von Dentalanlage sind durch zarte, vertikale Metalldrähte miteinander verbunden. Die silber- und kupferfarbigen Perlen sind überwiegend kantig. So erinnert das Objekt an eine Zahnspange.